Nutze deine Möglichkeiten

Nutze deine Möglichkeiten

Nutze deine Möglichkeiten – erwarte nicht zu viel.

Verena hat mich vor ein paar Wochen angefragt, ob ich gerne mit Menschen mit Handicap malen würde. Und da ich immer gerne mit anderen male, habe ich ja gesagt.

«Erwarte nicht zu viel» meinte sie. Die Teilnehmer seien in ihren Möglichkeiten sehr eingeschränkt.
Hatte ich Erwartungen? Was sollte ich erwarten? Wohl eher an mich selbst. Und ich entschied, unvoreingenommen und frei hinzugehen.

Im Vorgespräch hatten wir uns den Ablauf überlegt, eine Idee war schnell gefunden. Pastellkreidebilder sind ja heikel, der Kreidestaub verschmiert gerne und das wäre doch schade. Bilder sollen Freude bereiten und genutzt werden. (Und nicht eingepackt in Seidenpapier in einer Mappe dahin leuchten.) Tischsets war die Idee.

gemaltes Bild

Herzliche Begrüssung

Der Tag kam, ich freue mich und bin doch etwas nervös, würde alles klappen? Kann ich allen gerecht werden? Immer wieder hole ich mir den Gedanken- «erwarte nicht zu viel».

Die Sorge ist unbegründet, die Begleiter sind eine Gruppe engagierter liebenswürdiger Menschen. Ein paar Mal im Jahr organisieren sie einen gemeinsamen Nachmittag, und das seit vielen vielen Jahren.
Die Begrüssung ist lustig und herzlich, die Vertrautheit spürbar. «Es ist wie eine Familie» erzählt mir Verena. Ihre Lebens-Wege sind sehr unterschiedlich. Sie wurden mit einem Handicap geboren, oder dies wurde durch einen schweren Unfall in der Kindheit verursacht.

Los geht’s

Nachdem jeder seinen Platz gefunden hat, geht’s endlich los. Ich erkläre und zeige wie sich die Kreiden am besten malen lassen.

Da sind die Zwei die für sich hingebungsvoll an einer Serie malen. (später erfuhr ich, dass es eine Tischset-Party geben würde) Dort der ruhige Mann der wunderschöne Farbharmonien aufs Papier zaubert. Oder die quirlige Kreative, die zwar Hilfe für die Umsetzung braucht- jedoch ihre ur-eigenen Ideen umsetzt. Oder die lustige Dame die alle anderen mit ihrem Lachen ansteckt. Die Freude am Tun ist so lebendig und spürbar.

Und mir wird klar, sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus. Wenn es nicht weitergeht, wird Hilfe angenommen. Das klappt sehr gut. Es wird gemalt, ausgeschnitten, diskutiert und gelacht.

Alles läuft wie von selbst. Ich bin in meinem Element, zeige da etwas, ermuntere dort, freue mich mit über die gemalten Bilder. Die Begleiter helfen dort wo es gebraucht wird.
Ich lese in den Bildern was in den Menschen steckt und spüre die Magie.
Der Herr Lamineur gibt den Werken den letzten Schliff und so entsteht eine Vielfalt von schönen Tischsets. Jedes individuell und kreativ. Eines schöner als das Andere. Die Freude ist gross. Die Möglichkeiten wurden ausgeschöpft.

Beim Kuchenessen wird das gemütliche Zusammensein fortgesetzt. Es ist schön.
Und ich spüre eine grosse Dankbarkeit in mir hochsteigen.

Das Geschenk das ich mitnehme.

Und plötzlich erinnere ich mich wieder. Als Schülerin machte ich eine Schnupperlehre, in genau diesem Heim, mit schwerst-behinderten Kindern und Jugendlichen. Es ging nicht, nach 3 Tagen brach ich betroffen ab. 

Die Wahl für einen handwerklichen Beruf war die richtige Entscheidung. Ich hatte einen anderen Weg zu gehen. 
Die Bewohner von damals könnten die Teilnehmer von heute sein.

Das Geschenk das ich mitnehme:

Zu sehen, wie diese Menschen- trotz Handicap, ihre Möglichkeiten nutzen, kreativ und freudig sind, und ihre Einschränkung akzeptieren. Sie hadern nicht und leben im Moment – und im miteinander.

Wie nutzt du deine Möglichkeiten, um dein Leben zu gestalten?

Kreative Grüsse, Beatrice